Ist das noch "Gutes Benehmen", oder sind wir schon im Mobbing?

 

Neulich hab ich den Satz gehört: „Mobbing gehört zum Erwachsen werden einfach dazu. Kinder ärgern sich halt.“

 

Da ich in meiner Schulzeit selbst ein Mobbing-Opfer war, versetzen mir solche Aussagen immer noch einen Stich. Noch bis vor 10 Jahren hatte ich, wenn ich durch die Aula der Schule meiner Kinder ging, ein mulmiges Gefühl. Wenn dann irgendwo eine Gruppe Jugendlicher stand und lachte und kicherte, kamen die altbekannten Panikgefühle wieder hoch. Mobbing prägt fürs Leben, sowohl die Opfer als auch die Täter.

 

 

 

Hier kommt mir das Experiment von Curt Richter in den Sinn:

 

Sein berühmtes und viel zitiertes Rattenexperiment zeigt deutlich, wie wichtig Hoffnung zum Überleben ist. Während die Ratten ohne Aussicht auf einen Ausweg, nach wenigen Minuten aufgeben und in diesem Experiment ertrinken, halten Ratten der Vergleichsgruppe mit dem Hauch einer Hoffnung teilweise bis zu 60 Stunden durch, und kämpften bis zum Schluss um ihr Überleben.

 

 

 

Was passiert in einem Kind, das regelmäßig gemobbt und mit dem Gefühl der Hoffnungs- und Hilfslosigkeit sich selbst überlassen wird?

 

Wie groß ist die Gefahr, dass so ein Kind irgendwann aufgibt und aufhört, um sein Glück zu kämpfen?

 

 

 

Kurz ein paar Zahlen:

 

Im Jahr 2019 standen 200 Unfalltote bis 19 Jahren immerhin 185 Suizid-Tode in der gleichen Altersgruppe gegenüber. Man geht davon aus, dass die Zahl der versuchten Selbstbeschädigung 10-20x so hoch ist. Erweitert man die Altersgruppe bis zu den jungen Erwachsenen (<30 Jahre), versucht sich in Deutschland jede Stunde ein junger Mensch das Leben zu nehmen. (www.destatis.de)

 

 

 

Bei rund 68% der Suizid-Fällen bei Kindern zwischen 10 und 13 Jahren, kam es im Vorfeld zu massiven Mobbingvorfällen. (Studien-Hauptautorin Kirsty Clark; Forschungsgruppe der Universität Yale). Mit Blick auf die immer weiterwachsende Plattform des Mobbings in digitalen Medien (Cyber-Mobbing), kommt der Gedanke, dass Schulen sich gezielt mit dieser Problematik auseinandersetzen und das Thema etwa in Form von Projekttagen oder Unterrichtsreihen präventiv in den Schulalltag einbauen sollten.

 

 

 

Denn, nicht nur die Opfer, sondern auch die „Täter“ haben ein erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten. (Young-Shin Kim, M.D., assistant professor at Yale School of Medicine’s Child Study Center.)

 

 

Laut Professor Anett Wolgast vom pädagogischen Institut an der Universität in Halle, haben sowohl Täter als auch Opfer ein gemeinsames Problem:

 

 

Es fällt ihnen sehr schwer mit Freunden zu sprechen.

 

 

 

Ich als Pädagoge und Coach erkenne oft die Hilflosigkeit der Kinder, sich in verschiedenen Situationen nicht zurechtfinden zu können, weil sie nie gelernt haben, wie sie sich zu verhalten haben. Sie müssen es erst lernen, so wie sie lernen müssen, die Hand zu geben und "Bitte" und "Danke" zu sagen.

 

Achtet man aber darauf, wie in Filmen mit Außenseitern grundsätzlich umgegangen wird, muss man sich nicht wundern, welche Verhaltensweisen die Kinder hier spiegeln und nachahmen.

 

Ich habe bis heute noch keinen Film gesehen, in dem ein schüchterner Neuankömmling in einer Schulklasse mit Freude begrüßt und aufgenommen wird, es sei denn es handelt sich grundsätzlich bereits um eine Einrichtung für Außenseiter.

 

 

 

Es gilt also nicht nur, den Kindern bewusst zu machen, wo Mobbing beginnt, sondern auch Lösungen zu zeigen, wie es gar nicht erst soweit kommen muss. Denn nicht nur die Opfer, auch die Täter müssen Strategien lernen, die dazu führen Freundschaften zu knüpfen. Denn auch durch positive Beziehungen hat man später bessere Aufstiegschancen im Beruf, nicht nur in dem man den Konkurrenten fertig macht.

 

 

 

Das heißt grundsätzliche Soziale Kompetenzen wie Kommunikation, Anstand und Small-Talk, ein kleines bisschen Benimm-Knigge in einen geschützten Raum, Mithilfe von Rollenspielen, Empathie-Übungen und Bewegungsaufgaben, haben die Schüler die Möglichkeit alternative soziale Verhaltensweisen auszuprobieren, und wieder kommunizieren zu lernen und zu üben.

 

 

 

Oft sind es ganz einfache Ansätze, die bei den jüngsten Kindern die Kommunikation ermöglichen und die grundsätzliche Ausgrenzung eines Schülers verhindern, und somit die Basis für Mobbing nehmen.

 

Die Basis, die man aber in den jüngsten Jahren hier bereits legen kann, hilft den später Jugendlichen in neuen Gruppen, fremden Umgebungen oder in unbekannten Situationen leichter zu Handeln und sich zurecht zu finden.

 

 

 

Wegschauen ist keine Lösung, denn der bekannte „Funken der Hoffnung“ ist es, der irgendwann vielleicht sogar über Aufgeben oder weiterkämpfen, Leben oder Tod entscheiden könnte.

 

 

 

Gründe für Mobbing:

 

Stellung erhöhen,

 

Unsicherheit kaschieren

 

Machtgelüste ausüben

 

Nachahmen der Eltern/Filmrollen/youtube

 

 

 

Zuschauer:

 

Angst, selbst gemobbt zu werden,

 

Gruppenzwang

 

 

 

Opfer:

 

Nicht nur die Opfer sind Opfer, auch die Angehörigen

 

Die ganze Klassengemeinschaft leidet darunter

 

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