Angst überwinden

 

Angst überwinden

 

 

 

Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell und einfach die Übungen von Frederic Dodson wirken. Ich passe sie immer Situationsbedingt und Personen- und altersgemäß an. Es ist klar, dass so ein Coaching-Gespräch bei einem Geschäftsführer, der Angst hat seine Firma zu verlieren anders verläuft als bei einem Teenager.

 

Ich arbeite auch deshalb so gern mit Teenagern, weil sie sich ohne Vorurteile einfach auf meine Fragen einlassen. Bestes Beispiel ist hier ein Gespräch mit einer Freundin meiner 15 Jahre alten Tochter, die panische Angst vor ihrem Lehrer hat.

 

 

 

Sie saßen bei mir auf der Rückbank im Auto und wir waren auf dem Weg in die Schule.

 

Wir sprachen über verschiedenes und die Freundin klagte über einen Lehrer, vor dem sie schreckliche Angst hatte. Ihr Stimme war verkrampft und an ihrer ganzen Ausstrahlung erkannte ich, diese Angst war echt.

 

Nicht in der Form, dass sie Grund hätte vor dem Lehrer Angst zu haben, sondern in ihrer Vorstellung, ihre unbewussten Überzeugungen, ihre ganze Wahrnehmung war darauf ausgerichtet: Dieser Lehrer ist gefährlich.

 

Die Sache mit der Angst ist ganz einfach die, dass sie in unserem Gehirn einen Schalter umlegt. In diesem Moment können wir nicht logisch handeln und auch nicht logisch reagieren. Wir können nur noch auf 3 Arten reagieren: Wir erstarren, wir flüchten oder wir greifen an.

 

Dieses Mädchen war einfach im Erstarrungs-Modus gefangen und kam da von allein nicht mehr raus.

 

Also begann ich während der Autofahrt auf dem Weg in die Schule mit ein paar Fragen aus meinem Coaching-Repertoire.

 

 

 

Was ist das schlimmste das passieren kann?“

 

Dass er mich aufruft und ich nichts weiß! Ich melde mich extra nie und pass ganz fest auf, damit ich ja nicht aufgerufen werde.“

 

Was ist das schlimmste, das passieren kann, wenn er Dich aufruft und Du nichts weißt?“

 

Das die ganze Klasse über mich lacht!“

 

Was ist das schlimmste, was passieren kann, wenn die ganze Klasse über Dich lacht?“

 

Dass sie sagen, dass ich dumm bin!“

 

Also hast Du nicht Angst vor Deinem Lehrer, sondern vor den anderen Schülern?“

 

Ja, irgendwie schon!“

 

Haben die anderen Schüler recht, wenn sie sagen, dass Du dumm bist?“

 

Nein, eigentlich nicht. Ich weiß ziemlich viel. Nur vor diesem Lehrer habe ich Angst, denn er ruft immer Schüler auf, wenn sie nicht aufpassen und die Antwort nicht wissen!“

 

Was ist das schlimmste was passieren kann, wenn Du die Antwort nicht weißt?“

 

Dass ich selbst denke, dass ich dumm bin!“

 

Aber Du hast doch gerade gesagt, dass Du ziemlich schlau bist!“

 

Ja schon!“

 

Aber manchmal weißt Du die Antwort auch nicht?“

 

Ja, manchmal weiß ich die Antwort auch nicht.“

 

Also hat Deine Klasse recht. Manchmal bist Du ein bisschen dumm!“

 

Sie muss lachen.

 

Kannst Du akzeptieren, dass Du auch manchmal eine Antwort nicht weißt?“

 

Ja, ich denke schon. Man muss nicht immer alles wissen!“

 

Wie könntest Du denn reagieren, wenn jemand aus Deiner Klasse sagt: Hey, die ist dumm!“

 

Keine Ahnung. Ich könnte vielleicht mit einem Kommentar reagieren: Sei froh, dass Du nicht aufgerufen worden bist!“

[…]

 

Wie groß ist noch die Angst vor deinem Lehrer?“

 

Eigentlich gar nicht mehr.“

 

Wie fühlst Du Dich bei der Vorstellung, Dein Lehrer ruft Dich auf und Du weißt die Antwort nicht, die ganze Klasse lacht und einer sagt: Du bist dumm?“

 

Ich fühle eigentlich gar nichts mehr. Passt. Kann ja jedem mal passieren!“

 

[…]

 

 

 

 

So ähnlich lief unser 5-Minuten Gespräch ab.

 

Der Vorgang ist ziemlich einfach:

 

Da man sich die Angst selbst, oder die Angstauslösende Situation nicht anschauen will, beziehungsweise am liebsten verdrängt, ist es das einfachste in einer geschützten Situation (Rückbank vom Auto, weit weg vom bösen Lehrer) denjenigen direkt in die Angst zu bringen. (Stell Dir vor Du sitzt in Deiner Klasse und Dein Lehrer ist da. Was ist das allerschlimmste was passieren kann?) Das ist wie ein geistiges Rollenspiel und funktioniert immer. 

 

Allein diese Frage nimmt schon den Flucht- bzw. Panikmodus raus. Es wird kein Löwe hinter dem Busch hervorspringen und uns auffressen oder angreifen.

 

In dieser geschützten Situation, kann ich mir die Angst genau anschauen und fühlen. Ich kann mich mal bewusst darauf einlassen: Wovor habe ich denn eigentlich Angst?

 

 

 

Der zweite Schritt ist, diese eigentliche Angst, die sich hinter der vermeintlichen Angst versteckt zu entdecken. (Die Blamage vor der Klasse. Die Angst vor der Blamage hat sie komplett auf ihren Lehrer projiziert, der ja hier überhaupt nichts dafür kann.)

 

 

 

Blamage ist das Gefühl, etwas, was ich dringend versuche zu verbergen, dringt an die Öffentlichkeit. Ein Schein, den ich versuche aufrecht zu erhalten, zerbricht und zeigt einen Teil von mir, den ich selbst nicht anschauen mag. (Manchmal weiß ich etwas nicht, manchmal bin ich ein bisschen dumm). Wenn ich diesen Teil von mir akzeptieren kann, als etwas natürliches anerkenne (Jeder weiß mal etwas nicht!), nimmt es den Druck der vermeintlichen Blamage raus.

 

 

 

Also ist der dritte Schritt hier, die Akzeptanz eines Teiles von mir, den ich versuche zu verbergen und ihn als etwas natürliches und alltägliches an zu nehmen.

 

 

Als vierten Schritt haben wir uns dann noch gemeinsam Strategien überlegt, wie sie in einer solchen Situation auf ihre Klassenkameraden und ihren Lehrer reagieren könnte. 2-3 Sätze, was sie antworten kann, wie sie sich verhalten kann.

Gelöst und fröhlich stieg sie aus meinem Auto....

 

 

 

Eine Woche später kam sie zu mir und erzählte mir, dass sie mit ihrem Lehrer sogar gemeinsam über einen Witz gelacht hat, den dieser über sich selbst machte. Ihr Kommentar: "War voll cool!"

Keine Spur mehr von Angst. 

 

 

 

Mich würde interessieren, was der Lehrer wahrgenommen hat. Irgendwas muss bei ihm ja auch angekommen sein, wenn er nicht komplett empathielos ist.

 

Wie nimmt er eine Schülerin wahr, die unter Panik in seinem Unterricht sitzt, auch wenn das hier jetzt übertrieben ist. Es muss ja auch für den Lehrer schrecklich sein, wenn Schüler etwas auf ihn projizieren, wofür er ja gar nichts kann. Wie ändert sich das Unterrichts-Klima, wenn so etwas aufgelöst wurde? Wie fühlt sich der Lehrer? Was für Ängste hat der Lehrer? Oder welche Projektionen?

 

 

Wobei ich auch schon festgestellt habe, wenn Lehrer einen Schüler mal in eine Schublade gesteckt haben, es fast unmöglich ist, ihn da wieder heraus zu bekommen. Erwachsene sind kritisch und lassen sich nicht gern auf Fragen ein. An sich selbst zu arbeiten ist auch unangenehm. Erwachsene gehen sehr schnell auf Verteidigung, wenn ich mit Fragen in die tieferen Schichten vordringe.

 

Deshalb coache ich lieber die Schüler. Der Erfolg ist einfacher und schneller.